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D. L. M. Mench

Autorin * Kinderbuchautorin * Tierrechtlerin

Kuh Bluebell und dlm mench - zurück zur Startseite
Tausendfüßler mit bunten Schuhen

Es werde Licht: Wie der englische Nordwesten sich die dunkle Jahreszeit aufhellt

Farblos sehen die Seebäder des englischen Nordwestens im Winterhalbjahr aus. Die High-Tech Vergnügungsparks in denen sonst Tausende von todesmutigen Besuchern ihren Magen auf den Achterbahnen testen, sind verwaist. Selbst die Vögel haben sich in den Süden verzogen. Doch wenn im Oktober die Uhr auf Winterzeit umgestellt wird, ist das kein Grund zum Frust, denn dann klingeln in Blackpool, dem Las Vegas der Briten, die Kassen eben eine Stunde früher.

Parade in alten UniformenVon überall kommen Touristen, um in Englands beliebtestem Stau zu stehen. Alle wollen die »Illuminations«, die gigantischen Lichterketten sehen. Je langsamer sich die Blechschlange auf der knapp zehn Kilometer langen Strecke fortbewegt, desto besser. Foto-Handys und Digitalkameras werden aus den Fenstern gehalten. Kinder stehen auf den Rücksitzen und schauen aus den Schiebedächern heraus. Der Gestank nach Abgasen, Pferdeäpfeln und altem Fritierfett der unzähligen Fish and Chips-Läden tut dem großen Staunen keinen Abbruch. Wo sonst sieht man schon eine über und über mit bunten Lämpchen besetzte doppelstöckige Straßenbahn? Wo sonst gleitet ein grell beleuchtetes Schiff auf Schienen auf der Promenade entlang zum nachgebauten Eiffelturm?

Während man in der deutschen Partnerstadt Bottrop eine solche Energieverschwendung eher kopfschüttelnd betrachten würde, bereitet das den Einwohnern Blackpools keine Kopfschmerzen. Gerne wartet man mit Zahlen auf: Fast dreieinhalb Millionen Euro läßt sich die Stadt das alljährliche Spektakel kosten. Der Stromverbrauch beträgt 71.000 Euro. Die technische Ausrüstung kostet 14 Mio Euro. Die Lichtergirlanden sind 160 Kilometer lang und benötigen 321 Kilometer Kabel und 1500 Lampenpfosten. Der Aufwand lohnt sich. Die über dreieinhalb Millionen Touristen, die nur wegen der Lichter kommen, geben 393 Millionen Euro aus und halten so die altmodischen Hotels und Spielhallen am Leben.

Das Spektakel hat Tradition. Es begann 1879 mit acht Lampen und wurde seitdem ständig erweitert. Die beiden Weltkriege verhinderten die Lichterpracht und auch 1949 mußte der Stadtrat die Regierung noch wegen des Energieverbrauchs um Erlaubnis bitten. Stars und Sternchen rissen sich fortan darum, den Schalter zum Beginn der Saison von 66 Nächten umlegen zu dürfen. Die Bee Gees und Andrew Lloyd Webber gaben sich die Ehre. 2004 war es Ex-Spice-Girl Geri Halliwell.

Natürlich gibt es auch hier Spaßverderber. “Viel zu kommerziell”, sagt ein enttäuschter Besucher, „die Golden Mile ist es eine schamlose Werbung für McDonalds.” Tatsächlich, das unverkennbare Logo und der Burger-Clown Ronald McDonald hängen an fast jeder Laterne. “Die Kutschen sollten sie abschaffen”, entrüstet sich eine ältere Dame. „Die meisten sind unbeleuchtet. Das ist gefährlich.” Recht hat sie. In vollem Galopp drängen sich die Kutschen durch. Die Straßenverkäufer retten sich mit einem beherzten Sprung vom Mittelstreifen zwischen Autos und Busse. Wer es lieber beschaulich mag, der sollte eben im Riesenrad auf dem Landungssteg Platz nehmen.

Und auch sonst ist es nicht dunkel im Nordwesten. Am 5. November ist “Bonfire Night”. Diese geht auf den Katholiken Guy Fawkes zurück, der 1605 das britische Parlament in die Luft sprengen wollte. Dieses konnte verhindert werden und aus Dankbarkeit zündeten die Bewohner Londons Freudenfeuer an, in denen sie das Abbild des Verräters verbrannten. Heute hat jede Stadt ihren Scheiterhaufen. Allerdings werden kaum noch Kartoffeln im Feuer gebacken, sondern Imbissbuden versorgen die Besucher. Der Schwerpunkt liegt auf dem Feuerwerk. Und deshalb hat sich der November für die Bewohner des Nordwestens zum einem Monat des Schreckens gewandelt. Halloween scheint den inoffiziellen Startschuß für wahre Straßenschlachten zu geben. Gnadenlos werden Feuerwerkskörper abgeschossen sobald es dunkelt. In Liverpool wurden im Jahr 2003 wiederholt Polizeiautos und ganze Polizeistationen mit Feuerwerkskörpern abgefackelt. So sehr eskaliert war die Situation, daß erstaunlich unbürokratisch ein Gesetz verabschiedet wurde, das es Minderjährigen verbietet, Feuerwerksartikel auch nur mitsichzuführen. Die Feuerwerkspatrulle, eine speziell gegründete Einheit der Polizei, folgt Hinweisen aus der Bevölkerung und ahndet ein Vergehen mit 115 Euro. Die Kids stört das weniger. Sie sind bereits verschwunden, bevor die Rakete am Himmel verglüht ist.

Parade in alten Uniformen Die Weihnachtszeit vergeht bekanntlich viel zu schnell und deshalb beginnt sie in England eher. Im Seebad Southport bereits am 7. November. Wer gefühlsduselige Weihnachtsberieselung wie in Deutschland erwartet, ist fehl am Platze. Der Weihnachtsmann wird hier mit guter Laune empfangen. Bei Einbruch der Dunkelheit beginnt die elektrische Parade. Tausende von Zuschauern säumen die Straßen. Rollstühle und Kinderwägen stehen in vorderster Reihe, um eine gute Sicht auf die tanzenden Weihnachtsgirls mit Cheerleader-Pompons, lebensgroße Plüschmäuse und Hamster, chinesische Drachen und die lokale Tanzschule in Baströcken zu haben. Auf bunt beleuchteten Karnevalswägen werden Musicalszenen nachgestellt. Die Schöne klammert sich aus Angst vor dem Biest in ihrem goldenen Käfig an eine Stange, wie es sie in Strip-Clubs gibt. Doch das Programm bleibt jugendfrei. Der kalte Wind bläst die Röcke der schottischen Dudelsackkappelle nicht hoch.

Weihnachtsmann im Schlitten auf dem Teer, RentierAls das erste Renntier um die Ecke biegt, entgleitet der Menge ein „Oh“. Niedlich sind die sechs Renntiere, die den Wagen des vergnügt winkenden Weihnachtsmanns ziehen. Keines hört auf den Namen Rudolph. Sie sind zwischen einem und neun Jahren alt und aus einem schottischen Renntier-Reservat geliehen. Eines der Tiere versucht immer wieder auszubrechen und scheint vor Nervosität Durchfall zu haben. Die ideale Gelegenheit, in Renntierkot zu treten, ohne ins ewige Eis reisen zu müssen. Eine Stunde dauert die Parade.

Sobald der Zug sich aufgelöst hat, geht das Programm vor dem Rathaus weiter. Einer der Finalisten einer landesweiten Star-Suche singt eine Ballade. Der Gewinner des ersten Big Brother-Containers betritt die Bühne und kündigt seine Teilnahme an der diesjährigen Pantomine, dem ketzerischen englischen Weihnachtsmärchen, an. Doch alle warten auf Santa. Endlich hat der Weihnachtsmann seinen Schlitten vor der Lokalzeitung geparkt und betritt die Bühne. Er wird mit tosendem Applaus begrüßt. Die Frage „wart ihr alle brav“ können die Kinder nicht eindeutig beantworten. Feuerwerksfontänen leiten den Countdown zum Anschalten der kommunalen Weihnachtsbeleuchtung ein. Die Weihnachtszeit hat offiziell begonnen. Wo man hinsieht, nur strahlende Gesichter.

Der Irak-Krieg, in dem auch britische Soldaten sterben, ist für einen Moment vergessen. Eine Großmutter verkündet ihrer Enkeltochter strahlend: „Es ist wunderschön, fast so wie in Amerika.“

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